{"id":5118,"date":"2018-11-24T19:53:48","date_gmt":"2018-11-24T19:53:48","guid":{"rendered":"https:\/\/schiffsmond.net\/?p=5118"},"modified":"2024-09-03T20:07:15","modified_gmt":"2024-09-03T20:07:15","slug":"der-spagat-zwischen-genug-und-zu-viel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schiffsmond.net\/index.php\/der-spagat-zwischen-genug-und-zu-viel\/","title":{"rendered":"Der Spagat zwischen genug und zu viel"},"content":{"rendered":"<p>Als ich damit begann die Dolchst\u00fccke aus den Quellen zu sichten und zu rekonstruieren, war ich erst mal verbl\u00fcfft \u00fcber die schier unermessliche Vielfalt der Dolchst\u00fccke.<br \/>\nSo fing ich an zu sichten, zu kategorisieren, zu vergleichen und zu rekonstruieren.<br \/>\nAls ich dann aber anfangen wollte die Techniken alle in das Training zu integrieren, fing ich an zu verzweifeln.<br \/>\nDenn mir wurde bewusst das ich f\u00fcr ein sinnvolles und effektives Training zwei Bedingungen erf\u00fcllen muss, die sich zun\u00e4chst widersprechen.<br \/>\nDenn einerseits m\u00f6chte ich eine gewisse Vielfalt an Techniken anbieten, andererseits m\u00f6chte ich sie auch effektiv trainieren, so das die Fechter die Techniken auch wirklich beherrschen und anwenden k\u00f6nnen, anstatt sie nur zu verstehen.<\/p>\n<p>Der Wunsch nach einer gewissen Vielfalt, und der Verwendung m\u00f6glichst vieler Schriften hat drei Gr\u00fcnde.<\/p>\n<p>1.) Ich m\u00f6chte gern das mein Dolchtraining kein Nachturnen von \u00dcbungen aus historischen Fechthandschriften vermittelt, sondern das es den Fechter in einer Ernstsituation dazu bef\u00e4higt m\u00f6glichst gut aus dieser heraus zu kommen. Dazu brauche ich eine Anzahl von Techniken \/ Vorgehensweisen die alle m\u00f6glichen Situationen abdecken, mit denen ein Fechter konfrontiert werden kann.<\/p>\n<p>2.) Es gibt meines Wissens keinen Fechtmeister der sich mit dem Dolch besch\u00e4ftigt und in seinen Abhandlungen genug Informationen vermittelt, um ein komplettes Dolchfechtsystem zu bieten.<br \/>\nH\u00e4tte ich mich nur mit Hans Talhoffer besch\u00e4ftigt w\u00fcsste ich nichts von Gleitschritten im Dolchfechten und w\u00fcsste nicht wie man das \u00fcberstechen ausf\u00fchrt, das auch Hans Talhoffer verendet. H\u00e4tte ich mir den Talhoffer nicht angesehen k\u00f6nnte ich mit dem Schild \u00fcberhaupt nicht umgehen, h\u00e4tte ich mir den Codex Wallerstein nicht angesehen, w\u00fcrde ich zwei Eing\u00e4nge in eine Technik von Hans Talhoffer immer noch falsch verstehen, h\u00e4tte ich mir Achille Marozzo nicht angesehen, verst\u00fcnde ich nichts vom setzten von schnitten, h\u00e4tte ich nicht in den Fiore hinein gesehen, w\u00fcrde ich einige Br\u00fcche auf Techniken von Hans Talhoffer nicht kennen, etc.<\/p>\n<p>3.) Menschen sind verschieden, sowohl physiologisch als auch psychologisch. Es gibt gro\u00dfe Fechter, beh\u00e4bige Fechter, kleine agile Fechter, vorw\u00e4rts orientierte und zur\u00fcckhaltende Fechter, etc.<br \/>\nEs ist sinnlos von einem 1,50 Meter gro\u00dfen Dolchfechter zu verlangen einem 2,10 Meter gro\u00dfem Gegen\u00fcber von oben ins Gesicht zu stechen, stattdessen muss man ihm oder ihr M\u00f6glichkeiten bieten von unten zu arbeiten.<br \/>\nNat\u00fcrlich soll der kleinere Fechten auch die Techniken von oben lernen. Aber da er nicht so oft auf gleich gro\u00dfe oder kleinere Gegner treffen wird, braucht er vor allem auch M\u00f6glichkeiten mit gr\u00f6\u00dferen Gegnern umzugehen. Bei dem 2,10 Meter Fechter ist es genau anders herum, er braucht vor allem M\u00f6glichkeiten mit kleineren Gegnern umzugehen. Usw.<br \/>\nAllen m\u00fcssen wir in unserem Training gerecht werden und ihnen eine Anzahl von M\u00f6glichkeiten bieten, damit sie mit allen m\u00f6glichen Situationen zurecht kommen. Das hei\u00dft nat\u00fcrlich nicht das jeder ein separates auf ihn zugeschnittenes Training erhalten soll, das \u00fcbersteigt s\u00e4mtliche Kapazit\u00e4ten.<br \/>\nAber das Training muss eine entsprechend gro\u00dfe Vielfalt an Techniken bieten das jeder das seine findet.<\/p>\n<p>Joachim Meyer hat das sehr sch\u00f6n zusammengefasst:<\/p>\n<p>Zitat Joachim Meyer<br \/>\nAuch seind diese stuck nicht dermassen gesetzt \/<br \/>\ndas sie nicht un fechten k\u00f6nnen geendert werden \/<br \/>\nsonder sind nur als Exempel \/<br \/>\ndaraus ein jeder seiner gelegenheit nach \/<br \/>\nstuck heraus suchen nemen und lernen kan \/<br \/>\nund wie sie ihm dienstlich \/<br \/>\ndie anschicken und verwandeln mag \/<br \/>\nDann wie mir nicht alle einerley Natur \/<br \/>\nalso k\u00f6nnen wir nicht alle einerley art im Fechten haben \/<br \/>\nmu\u00df aber gleichwol auf eine, grundt alles herfliessen und genommen werden \/<\/p>\n<p>Diese Technikvielfalt bringt aber ein anderes Problem mit sich, bzw. erfordert eine Entscheidung. Was will man mit dem Training erreichen? Will man einfach m\u00f6glichst viele Techniken kennen und sie mit einem kooperativen Partner ausf\u00fchren k\u00f6nnen. Sei es weil man sich einfach fit halten will, oder weil man sie auf Veranstaltungen vorf\u00fchren m\u00f6chte? Dann hat man kein Problem mit der sich daraus ergebenden Vielfalt.<br \/>\nOder will man die trainierten Techniken wirklich beherrschen und sie auch gegen einen Gegner anwenden k\u00f6nnen, der v\u00f6llig unkooperativ ist und mit vollem Druck agiert?<br \/>\nDann hat man ein Problem. Denn um die Techniken in einem Realgefecht anwenden zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen sie zu einer unbewussten Reaktion werden.<br \/>\nDazu m\u00fcssen wir sie trainieren, trainieren und nochmals trainieren. Sie m\u00fcssen in endloser Wiederholung aus allen m\u00f6glichen Ausgangssituationen heraus eingeschliffen werden.<br \/>\nWas mit der steigenden Anzahl von Techniken zunehmend schwerer wird.<br \/>\nUnd jetzt kommen wir zu dem Spagat. Wir m\u00fcssen uns so viele Techniken zusammenstellen das wir auf jede Situation reagieren und den verschiedenen Fechtern das Ihrige bieten k\u00f6nnen. M\u00fcssen aber auch alles unn\u00f6tige wegstreichen um ein Sinnvolles Training zu erm\u00f6glichen.<br \/>\nViel Spa\u00df dabei :)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich damit begann die Dolchst\u00fccke aus den Quellen zu sichten und zu rekonstruieren, war ich erst mal verbl\u00fcfft \u00fcber die schier unermessliche Vielfalt der Dolchst\u00fccke. 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