Die Bastarden und die Kaligrafie

Alles rund um das Schreiben als solches

Die Bastarden und die Kaligrafie

Beitragvon Clemens » Sa 18. Aug 2012, 23:49

Wenn ich nicht etwas arg falsch verstanden habe bezeichnen wir die im Mittelalter verwendeten Schriftformen, oder deren Verwendung als Kaligrafie. Wobei, ebenfalls wenn ich nicht etwas falsch verstanden habe, man versucht ein möglichst perfektes Schriftbild hin zu bekommen. Aber haben die mittelalterlichen Schreiber das ebenso gesehen?
Die von Davis Harris beschriebenen Schriftbilder sind wirklich sehr schön. Vor allem die Bastarden haben es mir sehr angetan. Wenn ich mir aber einige Handschriften des 15. Jahrhunderts ansehe, z.B. den Ackermann von Böhmen (Beispielseite unten), habe ich den Eindruck das viele damalige Schreiber gar nicht sooo viel auf die Schönheit des Schriftbildes geachtet haben. Statt dessen sein es ihnen wichtiger gewesen zu sein das Buch in kürzerer Zeit fertig zu bekommen.
Versuchen wir heute zu Tage es besser zu machen als unsere Vorfahren?
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Re: Die Bastarden und die Kaligrafie

Beitragvon HGT » Di 21. Aug 2012, 20:59

Von der Wortbedeutung her ist Kalligraphie m. E. eher ganz allgemein die Kunst des Schönschreibens, und somit unabhängig von einer Epoche oder Kulturkreis. Ob ein Werk als Kalligraphie anzusehen ist oder nicht hängt dann von ästhetischen Kriterien ab. Bei den bekannten Stundenbüchern für die hochstehenden Herzöge oder für den deutschen Kaiser stand wohl das Bemühen um die Herstellung eines hochwertigen, repräsentativen Kunstwerks im Vordergrund, wie auch bei vielen geistlichen Werken („Schreiben als Gottesdienst“). Daneben gab es mit Sicherheit auch Funktionsschreiber, für die die Anfertigung einer Kopie oder eines anderen Dokuments viel zeitkritischer war und dadurch auf ein ordentliches Schriftbild weniger Wert gelegt wurde. Ich hatte mal gelesen, dass die mittelalterlichen Universitäten Berufsschreiber angestellt hatte, welche die offiziellen Lehrbücher für die Studenten kopierten. Ich habe solche Kopien noch nicht gesehen, ich kann mir aber nicht vorstellen, dass es sich dabei um kalligraphische Meisterwerke gehandelt hat.

Dementsprechend gab es hochwertige und schwierige Schriften wie die Textura für repräsentative Arbeiten, und z. B. die einfacheren und schneller zu schreibenden Kursiven für den Hausgebrauch. Auch mich faszinieren die Bastarden am meisten, die flämische Bâtarde finde ich am schönsten, aber ich habe diese Schriften auch schon in den unterschiedlichsten Qualitäten gesehen. Vielleicht ist es so – meine These – dass man an der Schrift ablesen kann, welches Budget ein Auftraggeber zur Verfügung hatte.
Es ist wohl ganz natürlich, dass David Harris und andere Autoren für ihre einführenden Bücher in die Kalligraphie vor allem die „Juwelen“ der westlichen Buchkunst präsentieren. Zumindest bei mir hat es funktioniert – sein Buch hat bei mir die Leidenschaft für Kalligraphie und Buchmalerei geweckt.
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Re: Die Bastarden und die Kaligrafie

Beitragvon Clemens » Mi 22. Aug 2012, 07:52

Danke für Deine Antwort.
dass man an der Schrift ablesen kann, welches Budget ein Auftraggeber zur Verfügung hatte.

Das klingt schlüssig.
Textura für repräsentative Arbeiten, und z. B. die einfacheren und schneller zu schreibenden Kursiven für den Hausgebrauch

Den Endruck habe ich auch, es scheint als wenn es Schriften vor allem für repräsentative Zwecke gibt, bei denen man sich bemüht möglichst kuntvoll zu schreiben. Und z.B. die Bastarden, die vor allem funktionell sein sollen. Was aber natürlich nicht heißt das man sich nicht auch bei den Bastarden bemühen könnte ein schönes Schriftbild hin zu bekommen. Was aber, zumindest nach meinem Eindruck nicht die Hauptaufgabe der Bastarden ist.
Und, ja auch mich begeistern die Bastarden sehr. Ich habe aber vor mich in zwei Schriftformen einzuarbeiten. Eine für repräsentative Schreiben und eine für Mitteilungen die etwas schneller gehen sollen.
David Harris und andere Autoren für ihre einführenden Bücher in die Kalligraphie vor allem die „Juwelen“ der westlichen Buchkunst präsentieren

Selbstverständlich.
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